Von Latex, Komplimenten und belästigt werden
Von Latex, Komplimenten und belästigt werden

Von Latex, Komplimenten und belästigt werden

Von Latex, Komplimenten und belästigt werden

Ich war für fünf Tage in Berlin und habe den Arbeitsurlaub voll ausgekostet. Es gab einige längere und kurze Latex-Shootings in verschiedenen Läden, ich war in Latex gekleidet in einem Museum, ich habe mir Latex gekauft und ich war in der Öffentlichkeit in Latex gekleidet unterwegs. Während der Bremer CSD (1) der Meinung war, dass Fetisch nichts auf ihrem CSD zu suchen hat, führte ich Diskussionen im anonymen Internet, ob es okay ist, was ich tu’. 

Bei diesen Diskussionen – die mir häufig begegnen – ist mir eine unausgesprochene Kernannahme immer wieder erneut aufgefallen: „Das was ich fühle, ist die absolute Wahrheit und meine Umwelt hat sich an mich anzupassen.“ Einige Personen scheinen zum einen nicht zu verstehen, was ein Fetisch ist und wie ein Fetisch entsteht, zum anderen unterstellten mir diese Fremden, dass ich damit andere Menschen (sexuell) belästige. 

Was ist Fetisch?

„Als sexueller Fetischismus wird in der Regel eine sexuelle Devianz verstanden, bei der ein meist unbelebter Gegenstand (vgl. Objektsexualität), der sogenannte Fetisch, als Stimulus der sexuellen Erregung und Befriedigung dient. Das fetischistische Verhalten unterscheidet sich individuell stark und kann sich auf einen einzigen Gegenstand, auf mehrere Objekte, Materialien oder auch auf Körperteile (auch solche des Partners) beziehen. … Häufig wird bereits eine Neigung als Fetischismus bezeichnet, … Diese Definition des Fetischismus setzt nicht voraus, dass die Neigung eine notwendige Sexualpräferenz ist, und kann auch eine oder mehrere Vorlieben umschreiben.“ (2)

Wir verwenden das Wort Fetisch ziemlich schnell und zwar dann, wenn wir eine besondere und ungewöhnliche Vorliebe umschreiben wollen. Ungewöhnlichkeit hat in diesem Kontext etwas mit dem kulturellen Hintergrund zu tun. Wird uns beigebracht, dass es dann Sex ist, wenn ein Paar beim Akt nackt ist, dann ist alles andere erst einmal ungewöhnlich. In anderen Kulturen kann bekleidet Sex zu haben normal sein, während in unserer Kultur nackt Sex zu haben normal ist. Fetisch wird außerhalb der Szene meist abgewertet, weil es unnormal ist. Wer trägt schon Turnschuhe beim Sex? Was für die eine Kultur normal ist, kann für andere Kulturen ungewöhnlich sein. Was für eine große Gruppe an Menschen ungewöhnlich ist, kann für viele kleinere Gruppen völliger Standard sein.

Wie gesagt: Wir verwenden das Wort „Fetisch“ sehr schnell und zwar dann, wenn wir eine besondere Vorliebe umschreiben wollen. Also, was kann denn alles ein Fetisch sein?

Neben den Klassikern Latex, Leder und Lack können für manche Menschen Hände eine große Stellenwert in ihrer Sexualität einnehmen. Wer eine Vorliebe für Turnschuhe hat, sich diese gerne anschaut und sie im sexuellen Kontext einbindet, kann von sich behaupten, einen Turnschuh-Fetisch zu haben. 

Auf Jodel, im Kanal „Fetisch“, lassen sich ziemlich viele Vorlieben finden, die als Fetisch deklariert werden (können). Von Frauen in engen Leggings bis hin zu nackten Füßen, Frauen in knappen Tops oder Reitstiefeln und Frauen mit Glatze gibt es so einige Posts über Latex, dominante Frauen, Menschen in Leder, Natursekt-Spiele, männliche große Hände und vieles mehr.

Was kann uns das sagen? Fetisch entsteht im Kopf und ist sehr individuell und eine sehr persönliche Angelegenheit. Empfinde ich Menschen in Daunenjacken als äußerst attraktiv und werde ich alleine von diesem Anblick erregt, so sprechen wir von einem Daunenjacken-Fetisch. Was ich als Fetisch wahrnehme, kann für andere ein ganz normaler Gegenstand sein. 

Vorurteile, mit denen ich immer wieder in Berührung komme

„Die armen Kinder.“

Kennt ihr das Experiment, in dem jemand fremde Passanten anspricht und fragt, was sie auf dem Bild sehen? (3) Menschen nehmen nur wahr, was sie kennen und das ist in allen Altersgruppen gleich. Habe ich schon einmal küssende und kuschelnde Menschen gesehen, so erkenne ich auf dem Bild, dass sich dort ein nacktes Paar küsst. Wenn Kinder noch nie mit sexuellen Handlungen in Kontakt waren, so erkennen sie auf dem Bild Delfine. Sprich: Ich sehe, was ich kenne. Ich denke, was ich kenne. 

Nach der Argumentation „Die armen Kinder kommen mit Fetisch in Kontakt“ müssten wir uns auch große Sorgen um die Kleinen machen, wenn sie Dessous-Werbung sehen oder Hände oder Gummistiefel. Es gibt sehr viele Menschen, die auf schöne Hände stehen und Hände von fremden Menschen nicht einfach nur anschauen, weil sie diese schön finden, sondern weil sie sexuelle Erregung empfinden, wenn sie sich schöne Hände anschauen. 

„Sex hat nichts in der Öffentlichkeit zu suchen.“

Was ist Sex? Wo fängt Sex an? Wenn sich zwei Menschen küssen, ist das dann schon Sex? Ist Sex, wenn der Penis in die Vagina eindringt? Und wie haben dann homosexuelle Paare Sex? Wie funktioniert Sex unter Frauen? Wenn du jetzt mit dem Argument „Homosexualität ist unnatürlich“ kommst, muss ich dich enttäuschen. Machen wir es kurz, weil es in diesem Writing eigentlich nicht um „Was ist Sex?“ geht: Warum ist der G-Punkt beim Mann im Arsch? Warum sind Tiere homosexuell? Warum gibt es seit schon immer Homosexualität, wenn das doch unnatürlich ist?

„Du zwingst fremden Menschen deinen Fetisch auf!“

Es ist ganz einfach nur eine Unterstellung, dass ein Mensch, der Latex trägt, sexuell erregt ist. Ich kann sehr wohl Latex tragen, ohne erregt zu sein. Und ich kann erregt sein, weil ein Mensch mit schönen Lippen an mir vorbei geht. Zwinge ich Menschen meine Vorliebe für Stiefel auf, wenn ich selbst hohe Stiefel trage? Hier geht es auch um den Unterschied zwischen sich belästigt fühlen und belästigt werden.

Sich belästigt fühlen – belästigt werden: der Unterschied

Einige Menschen scheinen zu vergessen, dass sich nicht alles um sie dreht. Diesen Satz wende ich auch gerne an, wenn es um Gefühle geht. Fühle ich mich unsicher, muss sich nicht meine Umwelt an mich anpassen – kann, muss aber nicht. 

Gleiches gilt auch, wenn ich mich belästigt fühle. Fühle ich mich durch eine Person belästigt, weil sie Klamotten trägt, die ich hässlich finde, so muss sich nicht die Person umziehen, sondern ich muss mit meinem Gefühl und den Gedanken, die durch das Aussehen und meine Gefühle entstehen, selber klar kommen.

Fühle ich mich bedroht und signalisiere (Sprechen, Handzeichen geben, mich weg bewegen), dass ich mich unsicher fühle, weil z.B. ein fremder Mensch mir sehr nah kommt, so habe ich ein Recht darauf, dass die fremde Person aufhört. 

Fühle ich mich sexuell belästigt, weil eine fremde Person im Park spazieren geht, dann muss nicht die andere Person den Park verlassen oder sich etwas anderes anziehen, sondern ich muss lernen mit dem Gefühl klar zu kommen. Bleibt das Gefühl, dann kann ich den Park jederzeit verlassen. Stellt sich eine Person vor mich, zieht sich aus und geilt sich dabei auf, sodass ich erschrocken über diese Situation bin, ist das sexuelle Belästigung und ich habe ein Anrecht drauf, dass der Mensch damit aufhört (und verhaftet wird).

Lies dir gerne meine Beispiele durch und schaue, was es mit dir macht. Was denkst du? Bist du irgendwo empört? Gibt es Beispiele, die besonders schwer zu beantworten sind?

In folgenden Beispielen kennen sich die Menschen nicht, in allen Situationen treffen fremde Personen aufeinander:

Ein Mann trägt ein Halsband, während er einkaufen geht.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ein Mann trägt einen kurzen Rock.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau zuckt ständig mit ihrem Kopf, während sie dabei ist, ein Foto von einem Baum zu machen. Ich bin auf dem Weg zum nächsten Laden.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau, auf der anderen Straßenseite, pfeift und ruft mir „Geiler Arsch!“ zu.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ein Mann trägt sehr enge Klamotten und joggt durch den Park.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau trägt Latex-Kleidung, während sie ein Eis isst, Fotos von ihr gemacht werden und in ihrer Umgebung sitzen Passanten auf Bänken und gehen an ihr vorbei. Ich warte auf den nächsten Bus.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau stillt ihr Baby in der Bahn.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau mit großen Brüsten läuft oberkörperfrei in der Innenstadt an mir vorbei. Sie schaut auf ihr Handy.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau mit großen Brüsten läuft oberkörperfrei in der Innenstadt an mir vorbei. Sie lächelt mich an.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Frau mit großen Brüsten läuft oberkörperfrei in der Innenstadt an mir vorbei, dreht sich um und kneift mir in den Arsch.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine dicker Mann läuft in der Innenstadt oberkörperfrei an mir vorbei.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ein junger Mann läuft an mir vorbei. Noch zwei Minuten später habe ich immer noch sein Parfüm in meiner Nase.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ein Mann setzt sich im Bus neben mich, obwohl alle anderen Plätze frei sind.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

In der U-Bahn sitzt eine Frau, liest ein Buch und streichelt währenddessen ihr Knie.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ich warte auf die nächste Bahn. Ein anderer Mensch kommt auf mich zu und fragt nach dem Weg.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

In der U-Bahn warte ich auf die nächste Bahn. Ein anderer Mensch stellt sich vor mich und streichelt den eigenen Intimbereich. 
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Im Bus sitze ich am Fensterplatz und höre Musik. Ein Mann spricht mich an um zu fragen, wie lange der Bus noch fährt. 
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

In einem Cafe esse ich ein Stück Kuchen. Ein Mann setzt sich auf den freien Platz vor mir und sagt etwas über mein Kleid.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ich sitze in einem Cafe und trinke eine Cola. Ein Mann kommt auf mich zu, bleibt einen Meter vor mir stehen und sagt, dass meine Schuhe schön sind.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

In einem Restaurant sitzt ein homosexuelles Pärchen, sie halten Hände und küssen sich.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

In einem Bus sitzt ein heterosexuelles Pärchen nebeneinander, der Mann streichelt die Frau unter ihrem Rock.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Ein Mann in voller Ledermontur läuft an mir vorbei und grinst. Ich denke, dass es ihn geil macht, weil er sich mit diesen Klamotten auf die Straße getraut hat.
A) Die Person belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Kinder lachen laut, während sie miteinander spielen.
A) Die Kinder belästigen mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Kinder dürfen sich so verhalten.

Eine Gruppe Männer läuft an mir vorbei.
A) Die Gruppe belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Eine Gruppe betrunkene Frauen schlendert an mir vorbei und lacht laut.
A) Die Gruppe belästigt mich und ich habe ein Anrecht darauf, dass diese Situation aufhört.
B) Ich fühle mich belästigt, aber die Person darf sich so verhalten.

Echte Komplimente – Übergriffigkeit 

„Wenn du dich so kleidest, musst du halt damit umgehen können, dass dich Männer anmachen.“ – Nein, das muss ich nicht! Es gibt Unterschiede zwischen Komplimenten und Übergriffigkeit und manchmal scheint es mir so, als würde die Mehrheit der Männer diesen Unterschied nicht verstehen. Da ich von meinen Erfahrungen spreche, schreibe ich bewusst von Männern, da ich mit Frauen (ich als Cis-Frau) solche Erfahrungen bisher nicht gemacht habe. (Natürlich gibt es auch übergriffige Frauen. Um diese Diskussion geht es in diesem Essay nicht.)

Lass uns doch einfach mal einen Test machen. Beantworte folgende Fragen für dich und schaue, ob sich deine Haltung zu Komplimenten ändert, vielleicht fällt dir auch etwas anderes auf.

In den folgenden Beispielen kennen sich die Menschen nicht, in allen Situationen treffen fremde Personen aufeinander:

„Also, für eine Frau kannst du wirklich gut Auto fahren.“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Dein Kleid gefällt mir.“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Mit deiner Figur würde ich diese Hose zwar nicht tragen, aber bei dir sieht es schick aus.“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Du hast wunderschöne Lippen!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Wow, deine Augen sind der Wahnsinn.“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Ich mag deine Frisur!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Wow. Du siehst heiß aus!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Hey, Puppe, willst’e knutschen?“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Ich mag lange Haare bei Männern nicht, aber bei dir sieht das echt gut aus.“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

„Geiler Arsch!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau geht die Straße entlang, ein männlicher Autofahrer schickt Kussmünder zu ihr herüber.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Ein Mann geht die Straße entlang, ein männlicher Autofahrer hupt und schreit „Ey! Voll hot!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Ein Mann trägt ein Kleid und schlendert durch die Innenstadt. Menschen drehen sich um und schauen ihn lange an, sie gaffen und flüstern sich für ihn unhörbare Sätze zu.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau trägt eine sehr kurze Hose, ein bauchfreies Top und hohe Stiefel. Einige Menschen lächeln sie kurz an und gehen entspannt an ihr vorbei. Andere drehen sich kurz um, aber sagen nichts.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Ein Mensch ist in ungewöhnlicher Kleidung eingehüllt und bekommt von einigen Passanten Daumen hoch Gesten. Andere lächeln die Person an. 
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau geht mit ihrem Hund spazieren. Ein Mann fragt sie höflich, ob er ihren Hund streicheln darf. 
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau geht spazieren. Ein Mann geht auf sie zu, bleibt mit etwas Abstand vor ihr stehen und fragt sie, ob er ihre Handynummer haben darf, weil sie so schön aussieht.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Ein Mann isst in einem Restaurant. Eine Frau setzt sich sehr nah zu ihm und lächelt ihn an.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau sitzt in der U-Bahn und schreibt eine Nachricht auf ihrem Handy. Ein Mann stellt sich neben sie und streichelt seine Brust und starrt sie an. 
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau trägt eng anliegende Klamotten. Eine Männer-Gruppe grölt und pfeift ihr hinterher.
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau hat ein eng anliegendes Kleid an. Eine Frau ruft ihr zu: „Du siehst voll schön aus!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Eine Frau trägt eine Burka. Eine andere Frau kommt auf sie zu und sagt: „Mensch, du musst dich doch nicht so verhüllen!“
A) Kompliment / Verhalten ist nicht übergriffig
B) Kein Kompliment / Übergriffiges Verhalten

Berlin, 13.7. -18.7.

Wie habe ich meinen Urlaub außerhalb des Internets wahrgenommen? Absolut positiv. Im Museum wurde ich sowohl von Menschen, die sich die Ausstellung angeschaut haben, als auch vom Museumspersonal gefragt, ob sie ein Foto von mir machen dürfen. Einige haben mich sehr lange angeschaut, einfach weil sie wahrscheinlich noch nie oder sehr selten Latex gesehen haben oder weil sie mich schön / nicht schön fanden oder weil sie einfach nur neugierig waren. Habe ich das als Belästigung wahrgenommen? Nein. 

Es gab auch die Situation, als zwei ältere Damen im Museum auf mich zugekommen sind, mir Komplimente für mein Aussehen machten und fragten, was genau ich da trage. Wir haben uns dann kurz über Latex unterhalten und sie durften nach der Frage, ob sie mich mal anfassen dürfen, auch meinen Unterarm streicheln. 

Es gab einige Menschen, die ohne vorher zu fragen Fotos von mir gemacht haben. Das finde ich nicht in Ordnung, aber ich akzeptiere, dass ich auf einige Menschen einen ungewöhnlichen Eindruck gemacht habe und vielleicht dachten sogar einige, dass ich zu der Ausstellung gehöre. 

Als ich – in Latex gekleidet – in der U-Bahn von meinem Partner fotografiert wurde, gab es einige Menschen, die mich angestarrt haben, einige andere haben mich angelächelt, wiederum andere haben gefragt, ob sie ein Foto von mir machen dürfen und einige haben mich angesprochen und mir Komplimente gemacht. Die Mehrheit der Menschen hat mich nicht wahrgenommen oder es war ihnen egal, welche Kleidung ich trug. Unser Eindruck war bisher immer der, dass sich die Menschen freuen, etwas Ungewöhnliches zu sehen.

Habe ich auch Negatives erlebt? In Berlin, nein. Im Internet, ja. In Hamburg gab es einmal folgende Situation: Für ein Fotoshooting waren wir in der Innenstadt. Ich hatte einen Latex-Catsuit und hohe Pleaser Schuhe an. Als eine Frau mich entdeckte, macht sie ihre Augen riesig, guckte grimmig und ging weiter; so nach dem Motto „OMG. Schnell weg hier.“

Was du nicht willst und fünf Mal “w”

Ich versuche immer nach dem Grundsatz „Was du nicht willst, das andere dir antun, das tue auch anderen nicht an.“ zu leben und einen gesunden Menschenverstand einzusetzen. Möchte ich von fremden Menschen bedrängt werden? Nein. Würde ich mich über den Spruch „Geiler Arsch!“ von einer fremden Person freuen? Nein. Würde ich mich von einem oberkörperfreien Mann in der Öffentlichkeit belästigt fühlen? Ja. Und dann? Na, dann schaue ich weg, gehe weg oder komme damit klar, dass ich einer unangenehmen Situation ausgesetzt bin. Solange dieser Mensch mir nicht zu nah kommt, mich verfolgt oder blöde Sprüche und Gesten macht, darf ich mich belästigt fühlen, ohne dass ich belästigt werde. 

Möchte ich von fremden Menschen einfach angefasst werden? NEIN. Diese neue Regel vom “1,5m Abstand halten” empfinde ich als Wohltat für meine Seele. Kein Gedränge, kein unnötiges Berühren oder Anfassen. Ist es ein Kompliment, wenn mir eine fremde Person von der anderen Straßenseite zuruft? Tendenziell eher nicht. Möchte ich, dass mensch mich versucht zu überreden, wenn ich auf eine Frage mit Nein antworte? Nein. 

Eine Definition für Menschen zu schreiben, die sich schwer mit dem Unterschied zwischen Komplimenten und Übergriffigkeit tun, finde ich nicht so einfach. 

Ich orientiere mich an den W-Fragen: Wer? Was? Wie? Wo? Wann? 
Wer sagt was, in welchem Ton und in was für einer Situation zu mir?

Wer?Ein fremder Mann
Was?fragt mich nach meiner Nummer
Wie?höflich und mit einem körperlichen Abstand zu mir
Wo?in der U-Bahn
Wann?nachts, um halb zwei Uhr morgens.
Wäre das „wie“ nicht freundlich, wäre dieses Verhalten meiner Meinung nach übergriffig gewesen. (Ob aus freundlichem Verhalten dann noch übergriffiges oder beleidigendes Verhalten wird, kommt dann auf die Reaktion der Reaktion an.)

Diese Überlegung können wir ja mal auf die “Eis essen in Latex”(4)-Situation anwenden:

Wer?Eine fremde Frau
Was?isst ein Eis
Wie?in Latex gekleidet (während ein Mensch von ihr Fotos macht)
Wo?in einer Fußgänger-Passage
Wann?um die Mittagszeit.

Um einen Vergleich zu haben, zwei Beispiele für ein übergriffiges Verhalten.

Wer?Ein fremder Mann
Wie?schreit
Wann?nachts / tagsüber / morgens
Was?“Geile Schnitte!”
Wo?von der anderen Straßenseite aus.

Wer?Meine Partnerin
Was?bettelt
Wie?unnachgiebig nach Sex
Wann?nachts
Wo?in unserem Bett.

Die Frage: “Tu’ ich etwas, was ein Mensch nicht möchte?” begleitet mich eigentlich immer. Also: Verletzte ich Menschen (psychisch, physisch)? Fühlt sich jemensch meinetwegen unwohl und kann der Mensch sich dieser Situation nicht entziehen? Natürlich kann ich es nicht allen Recht machen, also gehe ich das Risiko ein, wenn ich in Latex auf die Straße gehe, dass sich Menschen von mir belästigt fühlen. Hier kommt dann auch wieder die Frage nach dem Unterschied zwischen sich-belästigt-fühlen und belästigt-werden und ganz wichtig: zwinge ich Menschen zu etwas, was sie nicht selber in der Hand haben? Ich laufe keinem hinterher, stelle mich nicht dicht an, fasse Menschen nicht an und haue keine dummen Sprüche raus. Ich bin einfach kurz da und gehe wieder; in dem Beispiel wo ich in Latex durch die Innenstadt laufe.

Und um es auch mal auf den Punkt zu bringen: letzten Endes habe ich im reellen Leben nur positive Erfahrungen mit Latex in der Öffentlichkeit gemacht.


Quellen: (1) Bremer CSD (2) Wikipedia (3) Ich sehe was ich kenne (4) Eis essen in der Öffentlichkeit

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