Lieber betrunkener Mann,
Lieber betrunkener Mann,

Lieber betrunkener Mann,

Lieber betrunkener Mann,

ich bin auf dem Land aufgewachsen, daher kenne ich betrunkene Menschen sehr gut. Es ist vielleicht jetzt ein Vorurteil, aber eines, das ich so selbst häufig erlebt habe und bestätigen kann. Ich kenne betrunkene Menschen. Die meisten betrunkenen Frauen werden erst euphorisch, manchmal, wenn der Pegel zu hoch ist, dann weinerlich und anhänglich. Viele Männer, die ich in ihrem betrunkenen Zustand kenne, werden meist protzig, dann unangenehm aufdringlich und aggressiv. 

Unangenehm war das schon immer. Beides. Sowohl die weinerlichen Menschen, als auch die aggressiven. Und ich nehme mich da auch nicht aus. 

Früher habe ich viel Alkohol getrunken, jetzt bin ich seit über 2 Jahren „trocken“. Ich trinke aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr und bin auch sehr glücklich darüber. 

Wenn ich Alkohol getrunken habe, wurde ich „selbstbewusst“, wurde laut, lachte viel. Wenn ich dann nicht rechtzeitig auf Alkoholfreies zurück gegriffen habe, wurde ich depressiv, weinerlich, ich wurde eine Heulsuse, die sich selbst bemitleidet. In diesem Zustand nehme ich vieles zu persönlich; unangenehm ist das. 

Auf dem Land, in dem kleinen Dörfchen, in dem ich groß geworden bin, waren vor Corona Dorf-Feiereien keine Seltenheit. Der Landwirt hat sich einen Trecker gekauft? Darauf erst einmal ein Bier und es wird das halbe Dorf eingeladen. Die Nachbarin hat sich ein Gemüsebeet angelegt? Erst einmal die Nachbarschaft einladen und den Sekt köpfen. 

Ich verstehe es ja auch. Angetüdelt zu sein, kann ein sehr schönes Gefühl sein. 

Jetzt lebe ich in der Stadt. In Hamburg. Meiner Lieblingsstadt. Ich wollte schon immer Hamburgerin werden. Und jetzt bemerke ich etwas, was ich vorher so gar nicht kannte, was komisch ist, denn ich kenne betrunkene Menschen. 

Ich hatte auch schon oft unangenehme Situationen mit betrunkenen Menschen. Die wirklich unangenehmen Situationen waren leider sehr häufig mit Männern. 

Ich kenne Männer, die dort anfassen, wo sie nicht anfassen dürfen. Ich kenne Männer, die nach einer gewissen Zeit anfangen unangenehme „Witze“ zu machen, die persönlich und sexistisch werden. Männer, die Anspielungen machen, die nicht schön oder sexy sind.

Es gab kaum eine Dorffeier, wo ich solche Erfahrungen nicht gemacht habe. Aber so ist das ja, das ist normal. 

Jetzt, in Corona-Zeiten, wo ich betrunkene Männer nur auf der Straße beim nächtlichen Spaziergang treffe, erlebe ich eine andere Art Unannehmlichkeit. Denn ich kenne diese betrunkenen Männer nicht. Oft sind es kleine Gruppen aus drei bis fünf, manchmal sieben Personen. Sie sind laut, sie lachen viel, sie starren, sie schauen mir hinterher und sie pfeifen und schreien über die Straße „Hey, heiße Schnitte!“ 

Oft ist es so, wenn ich beim abendlichen Spaziergang mit meinem kleinen, blinden Hund eine Gruppe Menschen aus der Fern erkenne, drehe ich mittlerweile schon um. Ich mag diese Begegnungen nicht. 

Als diese Abendspaziergänge mitten in der Stadt noch neu für mich waren, wusste ich nicht so recht, was auf mich zukommt. 

Es hat nicht lange gedauert, bis ich mich unsicher gefühlt habe. Da kam sehr schnell der Gedanke „Soll ich meinen Freund anrufen?“ – wir wohnen zusammen, er wäre also am schnellsten bei mir. Aber manchmal ist er nicht zu erreichen. „Wen rufe ich dann an?“ 

Bisher blieb es nur bei den Gedanken, jemanden anrufen zu wollen. Bisher kam es nur vor, dass ich angesprochen wurde. Ich wurde nicht verfolgt. 

Lieber betrunkener Mann, ist dir bewusst, was du in mir auslöst? Dass du mir Angst machst? Dass ich sofort an mögliche Vergewaltigungen denke? Dass ich darüber nachdenke, welche Reaktionen meinerseits die Richtige ist? Soll ich zuerst die Polizei anrufen oder zuerst jemanden, der schnell bei mir sein kann? Soll ich zuerst in Telegram meinem Freund meinen Live-Standort schicken, bevor es zu spät ist und ich nicht mehr mein Handy benutzen kann? 

Soll ich rennen? Soll ich selbstbewusst tun oder macht dich das nur an und die Gefahr für mich größer? 

Lieber betrunkener Mann, wenn du gar keine bösen Absichten hast, warum lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Warum ist der Spaß, mir Angst zu machen, größer, als die Vernunft? Hast du keine Schwester? Keine Tochter? Keine liebende Mutter? Keine beste Freundin? Oder ist dir dein Verhalten nicht bewusst, weil der Alkohol dich zur Super-Sau macht? 

Lieber betrunkener Mann, wenn du das nächste Mal im an- oder betrunkenen Zustand (auf der Straße) einer Frau begegnest, dann gehe ihr aus den Weg. Sag deinen Kumpels, dass sie nicht so großkotzig tun sollen. 

Lieber betrunkener Mann, bitte überdenke dein Verhalten. 


PS der Redaktion: Und wenn du schon dabei bist, lieber betrunkener Mann, auch männlich-definierte Personen nachts in der Gruppe mit Gewalt- und Machtspielereien, Anspringen und Androhen von Prügel auf der Straße anzumachen ist ein No-Go. Müssen wir das wirklich immer noch diskutieren, lieber betrunkener Mann? Kannst du deinen Rausch nicht einfach in Frieden genießen, ohne deinen Freunden deine “Eier aus Stahl” beweisen zu müssen, indem du Frauen anmachst und Männer anpöbelst? Stählerne Eier beweist das nämlich nicht – eher beschissenen Charakter.

Ein Kommentar

  1. Jo
    Jo

    Als ich noch in Deutschland lebte, gingen ein Freund und ich jeden Mittwoch ins Kino, um die Sneak-Preview zu sehen.
    Auf dem Rückweg haben wir uns normalerweise getrennt. Er ging die Straße entlang und ich durch den Park, da meine Wohnung direkt dahinter war.
    Ich weigere mich immer, den längeren Weg zu gehen, nur weil ich eine Frau bin. Aber ich muss zugeben, dass ich oft meine Kapuze aufsetze, meine Schultern breiter mache und versuche, den Gang eines Mannes nachzuahmen, wenn ich nachts allein bin. Nicht, dass das wirklich hilft, aber ich fühle mich dadurch sicherer. * “it’s something”-Meme *

    An einem bestimmten Mittwochabend war ich bereits am Ende des Parks, wenige Meter von meinem Haus entfernt, als jemand auf mich zukam. Ich hielt nicht an, ich hatte nichts mit dieser Person zu tun und ich wollte es so halten. Unsere Begegnung verlief folgendermaßen:

    Fremder: Hey
    Ich: (kurz ohne Mimik) Hallo
    Fremder: Wie geht’s dir, Süße?
    Ich: Ich bin nicht interessiert. Gute Nacht.
    Fremder: Wie geht’s dir?
    Ich: (mit fester Stimme) Tschüss!
    Fremder: Wohin gehst du?
    Ich: (jetzt aggressiv) Nein, danke! Was zur Hölle?!
    Fremder: Wohnst du allein?

    Danach erhöhte ich meine Geschwindigkeit noch weiter und dachte: “Oh Gott, warum bin ich eine höfliche Person, die zurück grüßt?”
    Er konnte definitiv sehen, in welche Haustür ich ging, nachdem ich den Park verlassen hatte. Eine Tatsache, die ich nicht mochte, aber besser als immer noch da draußen zu sein.
    Ich ging hinein und schrieb dieses “Gespräch” auf. Ich verbrachte einige Zeit damit, darüber nachzudenken und schrieb dann meinem Freund eine SMS.

    Dies ist keine krasse Geschichte, es ist kein wirklicher Angriff passiert. Es ist nur einer dieser kleinen gruseligen Momente in unserem Leben, in denen wir das Gefühl haben, eine Kapuze aufsetzen, die Schulter breiter machen und den Gang eines Mannes imitieren zu müssen. Schlüssel zur Selbstverteidigung bereit und dabei verpassen wir grundlegende Höflichkeit und die Ruhe, die die Nacht bringen konnte.

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