Liebe Endo …

Liebe Endo,

wie beginnt man ein Pamphlet? Mit einer freundlichen Anrede? Es wäre mir lieber, wir würden uns die Floskeln sparen.

Du fügst mir Schmerzen zu, Tag für Tag.

Jeden. Verdammten. Einzelnen. Tag.

Weißt du, wenn du gnädig bist, spüre ich dich kaum. Zumindest, wenn ich beschäftigt bin. An den meisten Tagen allerdings sind deine Schmerzen so dosiert, dass ich zwar noch recht gut funktioniere, aber mich doch nicht richtig wohl fühle. Und wenn du mich einmal im Monat ans Bett fesselst, dann denke ich wimmernd: „Ich ertrage es nicht.“

Ich habe nie meine Einwilligung gegeben. Du warst einfach da. Hast mich nie gefragt.

Ich hasse dich.

Als ob es nicht genug wäre, mir weh zu tun: Du kannst mich so hässlich machen, so lustlos, so schamerfüllt.

Heimtückisch raubst du mir an manchen Tagen alle Kraft. Ich wusste nicht einmal, dass du das bist. Erst kürzlich hab’ ich dich erwischt. Ich hab’ es nur bemerkt, weil mir erzählt wurde, dass deinesgleichen sowas tut.

Wie schaffst du es nur, Darm und Blase derart bei der Arbeit zu behindern? Sie machen dauernd Fehler. Lass’ meinen Darm endlich in Ruhe, nur für einen Tag.

Du bist unberechenbar. Wenn ich mich auf ein Ereignis freue, weiß ich nie, ob du mir erlaubst, es zu genießen. Wenn du mich mit ganzer Kraft abhalten willst, gehe ich meistens trotzdem hin; vorausgesetzt ich kann noch gehen. Aber dann macht es keinen Spaß. Es ist nicht mehr das, auf was ich ich mich gefreut hatte. Es ist nur ein qualvoller Kampf.

Es ist so anstrengend mit dir.
Weil ich nicht will, dass dich alle sehen, tue ich manchmal so, als gäbe es dich nicht. Dann lächle ich verkrampft.

Ich wollte dich loswerden. Ich dachte, das funktioniert, wenn sie dich aus mir herausschneiden. Aber du bist immer noch da. Dabei habe ich dich nie hierher gebeten. Ich wurde nie gefragt.

Nun muss ich also mit dir leben, bis dass der Tod uns scheidet.
Es wäre einfacher, wenn ich dich erdulden würde, ohne Wut und Verzweiflung, ohne Aufbäumen. Aber manchmal kann ich einfach nicht mehr, und dann verfluche ich dich. So wie heute.

Hör. Auf. Mir. Weh. Zu. Tun.


Endometriose ist eine Erkrankung, bei der im Bauchraum Gewebewucherungen wachsen, die dem Gewebe der Gebärmutterschleimhaut ähnlich sind. Die umgangssprachlich auch “Endo” genannte Krankheit ist durch chronische Entzündungsreaktionen gekennzeichnet und kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedliche Symptome auslösen.

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